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Regenerative Landwirtschaft: Potenzial ja, Quick fix nein

Tagungsbericht

Der Konsens war überraschend gross: die «regenerative Landwirtschaft» habe ein beträchtliches Potenzial. Sie müsse aber zwingend so umgesetzt werden, dass sie an einem bestimmten Standort funktioniere. In diesen Punkten war sich das breit aufgestellte Panel am Anlass «Regenerative Landwirtschaft: Schlüssel gegen die Klimaerwärmung?» am 20. Juni 2023 einig.

Regenerative Landwirtschaft: Schlüssel gegen die Klimaerwärmung?
Bild: EASAC

In jüngerer Zeit stiess die «regenerative Landwirtschaft» vermehrt auf Interesse in Wissenschaft, Politik und Medien. Ausschlaggebend dafür: ihr Beitrag gegen die globale Klimaerwärmung. Die Akademien der Wissenschaften Schweiz griffen das Thema deshalb an einer Veranstaltung auf für einen Dialog zwischen Politik, Verwaltung, NGOs, Wirtschaft und Wissenschaft. Dabei im Fokus: wie kann die regenerative Landwirtschaft vorangetrieben werden? Programm

Humus-Aufbau hat in der Schweiz grosses Potenzial

Die regenerative Landwirtschaft ist ein vielschichtiges System. Eine Schlüsselrolle spielen die Böden bzw. deren Qualität, denn sie erfüllen eine Vielzahl von Funktionen: Ökosystemdienstleistungen, Quelle globaler Ernährung und über den Aufbau von Humus eben auch Sequestration, d.h. die Aufnahme und Speicherung von CO2. Allerdings wurde die Qualität der Böden in der Schweiz lange vernachlässigt, gingen durch intensive Landwirtschaft 50-70% des organischen Materials verloren. Dies wiederum limitiert das gute Funktionieren der Böden, darunter den Aufbau von Humus. Humus wird jedoch als die effektivste, kostengünstigste und anwendbarste aller sogenannten «Negativen Emissionstechnologien» beurteilt, d.h. der Technologien, die der Atmosphäre CO2 entziehen und es langfristig binden können. Gerade in der Schweiz weisen die Böden diesbezüglich ein grosses Potential auf. Diese Perspektive der Wissenschaft präsentierte Pascal Boivin, Agronomie-Professur an der Fachhochschule Westschweiz (HES-SO) sowie Co-Autor eines Berichts europäischer Akademien zu regenerativer Landwirtschaft und des Bundesrates zu «Kohlenstoffsequestrierung in Böden». Präsentation P. Boivin

Aus ökonomischen Überlegungen sei die regenerative Landwirtschaft auch für ein global tätiges Unternehmen zentral, sagte Daniel Imhof, Verantwortlicher für den Bereich Landwirtschaft bei Nestlé; weil sich eine darauf basierende Produktion besser an den Klimawandel anpassen kann. Gleichzeitig ist die Lebensmittelproduktion verantwortlich für 2/3 des CO2-Ausstosses des Unternehmens. Für eine klimafreundlichere Produktion werden neue Techniken an mehreren Standorten ausprobiert, darunter der Aufbau von Humus auf Höfen in der Schweiz in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern. So gewonnene Erkenntnisse kommen in einer Vielzahl weiterer Landwirtschaftsbetriebe zur Anwendung, verfügt der multinationale Akteur doch über eine beträchtliche Hebelwirkung. Gleichzeitig betonte Imhof in seinem Beitrag, dass regenerative Landwirtschaft unbedingt Standort-spezifisch umzusetzen sei. Präsentation D. Imhof

Kapazitätsaufbau bei Landwirt:innen

In diesem Punkt war sich das Panel einig. In diesem Sinne sprach sich Bauernverband-Direktor Martin Rufer für Handlungsspielraum für den einzelnen Betrieb und gegen Regulierung aus. Daraus abgeleitet unterstrich er die Notwendigkeit des Kapazitätsaufbau bei Landwirt:innen, in der Aus- und Weiterbildung, für das situativ angepasste Management eines Betriebs. Während dabei allgemein von Unterstützung für Bäuerinnen und Bauern die Rede war, thematisierten zwei Panelistinnen die Wirtschaftlichkeit von regenerativer Landwirtschaft und Anreizmodelle. Eva Wyss, WWF Schweiz Verantwortliche Landwirtschaft und Co-Autorin des von der Agrarallianz publizierten Positionspapiers «Klimaschutz in der Landwirtschaft», wies darauf hin, dass eine Definition für regenerative Landwirtschaft noch fehle. Der Begriff biete sich deshalb nicht als Verkaufslabel an und eine Gefahr des Missbrauchs bestehe. Aufgrund fehlender Zahlen nicht möglich sei aktuell auch die Bezifferung des wirtschaftlichen Nutzens regenerativer Landwirtschaft, so Elena Havlicek von der Sektion Boden im Bundesamt für Umwelt (BAFU). Bestrebungen gingen jedoch dahin, die Menge an organischem Material in Böden als Kriterium für deren Qualität zu etablieren. Entsprechende Arbeiten für eine Kartierung der Böden seien mittlerweile gestartet.

Rolle von Politik und weiteren Akteur:innen

Die Landwirtschaftspolitik und das Dossier Böden kämen nur sehr langsam voran, bedauerte Delphine Klopfenstein Broggini, Genfer Nationalrätin (Grüne Schweiz) und Mitglied der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (UREK). Die politischen Fronten seien verhärtet. In Anbetracht des notwendigen Systemwechsels sei ein quick fix nicht realistisch, entgegnete Boivin, die Politik sei komplex und entwickle sich langsam. Entscheidend sei der Einbezug aller Beteiligten: Landwirtschaftssektor, Privatsektor, NGOs und Konsument:innenschaft. Denn letztlich bestimmten Ernährungspraktiken die Art, wie Landwirtschaft gemacht werde und damit die Gesundheit der Böden. Und hier sollten wir alle dasselbe Interesse haben. Oder wie es Klopfenstein Broggini auf den Punkt brachte: «schlechte Böden, schlechtes Leben».

  • Roger Pfister: Begrüssung
  • Pascal Boivin
  • Daniel Imhof
  • Panel und Moderator
  • Teilnehmerinnen und Teilnehmer
  • Roger Pfister: BegrüssungBild: Andres Jordi1/5
  • Pascal BoivinBild: Andres Jordi2/5
  • Daniel ImhofBild: Andres Jordi3/5
  • Panel und ModeratorBild: Andres Jordi4/5
  • Teilnehmerinnen und TeilnehmerBild: Andres Jordi5/5
Tagung "Regenerative Landwirtschaft: Schlüssel gegen die Klimaerwärmung?"

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